|
|
Auf nach As Sallum
Dienstag, 28. März 2006, Alexandria, 7 Uhr morgens
Viel Zeit bleibt mir nicht. Um 9.15 Uhr soll es losgehen
in Richtung As Sallum.
Bisher habe ich von Ägypten eigentlich nur die
Autobahnen kennengelernt. Den Blick aus dem Bus auf
die endlosen Felder der roten Ziegelsteinbauten um Kairo
herum, alle mindestens vierstöckig und obligat
bestückt mit oben herausragenden Stahlstangen,
damit der Bau als nicht fertig, somit steuerfrei anerkannt
wird. In der Nähe der ägyptischen Hauptstadt
ist noch alles grün, dann kommt die immer spärlichere
Landschaft gegen Norden hin, wo verpackte Palmen stehen
und irgendwelche Großgüter hinter weitläufigen,
mal krummen, mal geraden Mauern versteckt liegen.
Einmal konnten wir einen Blick auf die Pyramiden werfen.
Sie erschienen weit draußen im Dunst, hinter der
Stadt, hinter den aufragenden Minaretten. Aber bevor
ich den Fotoapparat klar hatte, tauchten sie bereits
wieder ab. Kairos Abendschleier.
Das erste Erlebnis auf ägyptischem Boden war das
Packen der beiden Busse vor dem Flughafen. Das war ein
Spaß.
|

|

|

|

|
|
Alles gepackt -
kann losgehen mit dem
Wiederauspacken
|
"Irgendwie sieht es
nach Regen aus!"
|
Behutsam wird
alles wieder nach
unten geworfen
|
Nur die Alukiste
bleibt oben
|
Unsere Sonnenfinsternis-Reisegruppe von 52 Leuten sollte
am Flughafen auf zwei Busse verteilt werden, einen für
die SoFi-Only-Tourer, diejenigen, die nach der Sonnenfinsternis
direkt wieder nach Hause fahren würden sowie einen
für die "Weiterfahrer". Letztlich wurde
dann aber doch bunt gemixt. Das ägyptische System
haben wir noch nicht durchschaut. Ich landete jedenfalls
im kleinen Bus mit 10 Leuten.
Mit dem Gepäck verfuhr man so, dass zuerst alles
hinten im Kofferraum verstaut wurde. Dann aber kam als
letztes Gepäckstück die große Alukiste
von Thomas, einem der Wiener Astronomen. Die passte
auf keinen Fall mehr hinein. Also hievte und schob man
alle Koffer und Rucksäcke aufs Dach, um sie schließlich,
als sich der Einwand der Münchner erhob, es sähe
doch recht regnerisch aus, gesammelt wieder nach unten
zu werfen. Sieben gestikulierende und diskutierende
Ägypter, Schweizer, Österreicher und Deutsche
waren beschäftigt. Einzig die Alukiste blieb oben
und hin und wieder, während der Fahrt, hörten
wir ein verräterisches Klack, Klack, Rattaatratt,
wenn eine der Halterungsmuttern sich empfahl und hinten
vom Dach kullerte. Im gleichen Maße durchgeschüttelt
wurden wir im Innenraum des 12-Sitzers. Zwei Mal war
es ziemlich knapp auf dem dreispurig befahrenen Ausfallboulevard.
Beinahe wären wir mit anderen Fahrzeugen kollidiert,
die blindlings (blind links) die Spur zu wechseln gedachten.
Ich schickte ein stummes Gebet aus, als wir endlich
heil am Mittelmeer, im abendlichen Alexandria, ankamen.
Für die erste Nacht waren die Hotels ebenfalls
aufgeteilt. Ich war bei der Gruppe im Plaza Hotel, das
Gros wohnte im Hotel Mercure. Beide Hotels waren an
der Corniche gelegen, der endlos langen und stark befahrenen
Uferpromenade. Im Konferenzsaal des Mercure gab es noch
einen sehr interessanten Abendvortrag der beiden Astrophysiker
Susanne und Peter Friedrich, die unsere Gruppe fachlich
begleiten. Sie wussten alle Einzelheiten zum Ablauf
der bevorstehenden Sonnenfinsternis und gaben nochmals
eine anschauliche Einführung in die Thematik. Als
Laiin erfuhr ich ausschließlich spannende Sachen.
Insbesondere faszinierte mich die Tatsache, dass es
den ganzen Klamauk mit Sonnenfinsternissen nur deshalb
gibt, weil der Mond genau den passenden Abstand zur
Erde hat, um genau die passende Größe zu
haben, im Falle einer Eklipse die Sonne nahezu haargenau
zu verdecken. Ja, so ein Zufall!
Andernfalls wäre nämlich entweder nur ein
dunkler Fleck in der Sonne zu sehen oder aber, wenn
der Mond eine nähere Umlaufbahn zur Erde hätte,
gäbe es nichts mehr zu sehen, nichts mit Korona
und so, sondern zappenduster (was wahrscheinlich auch
ganz schön spektakulär wäre).
15 Uhr, Marsa Matrouh
Wir sitzen abfahrbereit vor dem Hotel
Bel Air. Marsa Matrouh ist eine Beduinenstadt mit
eigener Verwaltung und Gerichtbarkeit, wenn ich das
richtig verstanden habe. Hier an der Mittelmeerküste
liegt die Hauptferienregion der Ägypter im Sommer.
Heute Vormittag passierten wir stundenlang eine Feriensiedlung
nach der anderen.
In El Alamein machten wir einen kurzen Zwischenhalt,
allerdings nicht im deutschen, sondern im italienischen
Sektor der Wüstenkrieggedenkstätte.
Als wir in Marsa Matrouh ankamen, mussten wir erst einmal
tanken. Nicht nur, dass viele Ägypter schützende
Mäntelchen über ihren Autos ausbreiten, um
sie vor dem ewigen Staub zu schützen, nein, sie
waschen sie auch gründlich. Wir haben es gesehen:
während einer seinen Wagen einschäumte, dass
er aussah wie ein ungebackener Baiser, ging ein anderer
richtig zur Sache und spritzte mit dem Schlauch den
Innenraum des Wagens aus. Da staunten selbst wir Deutschen.
Eben gab es eine erhellende Lektion in Sachen ägyptischem
Behördenknigge auf dem hiesigen Tourist Office
in der Stadtverwaltung: Nachdem einige von uns mit tollen
A2 Postern der Sonnenfinsternis ankamen, wurden sie
natürlich bestaunt: Wo sind die denn her? Oh, wollen
wir auch!
Mit einer Gruppe von 5 oder 6 Leuten stürmten wir
über die Kreuzung ins Verwaltungsgebäude.
Unterwegs trafen wir noch auf Julia, unsere derzeitige
Tourguide, die uns bereitwillig begleitete und mit die
Treppe hinauf hechtete. Die Suche nach dem richtigen
Stockwerk wurde schnell beendet durch einige Einheimische,
die auf Etage Nr.2 vehement in eine bestimmte Richtung
wiesen, als wir bereits zum weiteren Aufstieg ansetzten.
Irgendetwas sagte ihnen offenbar, dass wir weder zur
Passverlängerung noch wegen einer Baugenehmigung
hier waren. Die Besucherlenkung wurde fortgeführt,
denn vor allen Türen warteten Menschen, die uns
immer weiter nach hinten durchwinkten, bis wir endlich
vor dem letzten Büro angekommen waren.
Hier, zwischen überquellenden Schreibtischen und
Regalen im Vorzimmer sowie ratternden Kopierern und
Computern im Raum dahinter, pendelten etwa 12 Leute
geschäftig hin und her. Es war schwer auszumachen,
wer hier arbeitete und wer mit einem Anliegen da war.
Offenbar war es die Ausgabestelle für die Eintrittstickets
nach As Sallum. Wir drängelten uns irgendwo auf
freie Plätze dazwischen, sprachen mal diesen, mal
jenen an, um Auskunft zu erhalten und verfolgten die
Verhandlungen zwischen Julia und verschiedenen Verwaltungskräften.
Ergebnis: wir mussten ein Büro weiter. Das war
wesentlich größer und leerer und hatte die
Plakate zumindest in A4 vorliegen. Wunderbar, können
wir davon welche haben? Jetzt wurden die Verhandlungen
deutlich hektischer über zwei Büros hinweg
geführt und - schlechtes Zeichen - es kam zum Einzug
der Gladiatoren. Angeführt von einer resoluten
Beamtin mittleren Alters, die sich schützend vor
die betreffende Kiste warf, traten noch einmal drei
weitere Stadtbedienstete in den Raum. Inzwischen kamen
sowohl Lautstärke und Frequenz der Zurufe als auch
die zunehmende Unübersichtlichkeit der Situation
den Kriterien eines ausgewachsenen Tumults gefährlich
nahe. Zum Glück verlagerte sich die lebhafte Diskussionsrunde
allmählich wieder ins erste Büro, wo man uns
knapp mitteilte, es gäbe keine Poster mehr. Schwierige
Situation für uns Mitteleuropäer, denn das
begehrte Gut lag bretzelbreit auf einem der Tische,
direkt vor unserer Nase. Dies schien mir denn auch der
geeignete Moment, mich aus dem Gespräch auszuklinken
und auf die intra-ägyptische Diplomatie zu hoffen.
Über die nichtvorhandenen Plakate hinweg wurde
noch eine Weile hin und her diskutiert, bis man eine
Lösung fand: niemand wollte sein Gesicht verlieren
und so waren wir auch zufrieden, mit bunten A4-Aufklebern
abziehen zu können. Mehr war zu diesem Zeitpunkt
einfach nicht mehr drin. Diesen Auftritt hatten wir
gehörig vergeigt.
Abfahrt. Einen Block später stellt jemand die Frage,
ob da nicht jemand fehle. In der Tat, da ist ein Platz
leer. Christoph ist nicht da. Fährt er im großen
Bus mit?
Öh - keiner weiß was über seinen Verbleib.
Anhalten im fließenden Verkehr, um den Block zurück,
Geschrei, Gejohle und Gelächter. That's Egypt.
Am Hotel angekommen, ist der große Bus bereits
verschwunden, da werden wir nicht mehr nachfragen können.
Kein Christoph in Sicht. Also fahren wir wieder.
Ja, fahren wir. Er wird schon drin sitzen.
Und wieder das Gaspedal durchtreten. Koffer, Lunchpakete
in Tortenpackungen, Taschen und Menschen rucken nach
vorne.
Da! Ein Schrei. Da ist er!
Aufgeregt kommt der Gesuchte die Treppe des Bel Air
heruntergerannt. Der Busfahrer hat die Bremse bereits
wieder durchgetreten, alles ruckt wieder nach hinten,
geschwind und hastig springt Christoph auf seinen Platz.
Ein symptomatisches Ereignis. Niemand kommt hier auf
den Gedanken, vor Abfahrt zu prüfen, ob alle Passagiere
da sind. Zurzeit wird bereits der dritte oder vierte
Koffer vermisst. Die meisten tauchen irgendwann wieder
auf, bis auf Peters Rucksack vielleicht, der Wien nach
bisherigen Recherchen gar nicht erst verlassen hat.
Die SoFi-Ausweise werden verteilt. Der letzte Teil der
Reise, hinter Matrouh, geht wirklich durch die Wüste.
Mein Reiseführer hält den Kommentar für
diese Region recht kurz: "Darüber hinaus (Marsa
Matrouh) gibt es an der Küstenautobahn bis zur
libyschen Grenze fast nichts Bemerkenswertes."
(National Geographic Traveler Ägypten). So ist
es denn auch. Hier gibt es so gut wie nichts mehr. Ein
paar Beduinendörfer, Sanddünen, ein paar Leute
auf Eseln und die lange gerade Straße. Derzeit
erstaunt natürlich die Karawane der Reisebusse
in Richtung Libyen. Wenn wir an jemanden vorbeifahren,
der in dieser Einöde unterwegs ist, steht ihm die
Frage stets ins Gesicht geschrieben: Was sind das für
welche? Wohin wollen die?
Schließlich machen wir eine Pause im Nichts. Na
ja, im Fast Nichts.
|

|

|

|

|
|
Hinter Matrouh liegt
die lybische Wüste
|
Viel wächst nicht mehr
- ein Sommerwurz
|
Das müssen alle sehen
|
Irgendwelche Probleme?
Nein, nur Blumen
|
Hinterher drehen sich die Gespräche wieder um
Themen, von denen ich bis gestern noch keine Ahnung
hatte, die für den astronomisch bewanderten Sonnenfinsternisfahrer
hingegen das tägliche Brot darstellen: die Vorzüge
der guten, alten Russentonne, die kaum beobachtbaren
fliegenden Schatten, die logarhythmische Abstufung der
normierten Foliendichten und - ganz heiß gehandelt
- die Singularität des Perlschnurphänomens.
Das klingt alles enorm aufregend und ich bin gespannt
zu erfahren, wie die Praxis aussehen wird.
|
|
|
Fotos
|

Einträchtiges Nebeneinander
auf der Autobahn

Autobahn - Fußballfieber!

Taubentürme sind
sehr beliebt

Ankunft in Alexandria

Susanne und Peter Friedrich

Vortrag zur SoFi

Corniche und Mittelmeer
morgens aus dem Zimmer

Alt und neu in der Skyline

Warten auf den Bus

ägyptische Riviera

Meilenweit ziehen
sich die Ferienparadiese

Zwischenstopp in El Alamein

Alles gut bewacht

Zwar schönes
Wetter aber kalt

Dattelpalmen

Denkmal für die
Schlachten des 2. Weltkrieges

Bahnübergang im Nichts

Beduinenstadt
Marsa Matrouh

Aus Passau -
das rollende Hotel

Want a carpet - Nofretete

Im sonst so
beschaulichen Leben...

...sind die SoFi-Fahrer los

Es gibt sogar Plakate

Mittagspause im
Hotel Bel Air

Es gibt Lunchpakete

Das reicht locker
für 3 Tage

Die nächsten Busse
der Karawane schliessen auf

Eingangskontrolle
nach As Sallum
|
|
|